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Görlitz arbeitet an Unesco-Welterbe-Bewerbung weiter und wird Teil des VIA REGIA-Netzwerks

Görlitz arbeitet an Unesco-Welterbe-Bewerbung weiter und wird Teil des VIA REGIA-Netzwerks

vom 26.09.2018

Die 8. Tagung des Advisory Forum der Kulturrouten des Europarates findet zurzeit in Görlitz statt. Noch bis zum 28. September 2018 konferieren über 200 internationale Vertreter der Kulturrouten in der Europastadt. Görlitz ist im vergangenen Jahr als Ausrichter dieser hochkarätigen Tagung benannt worden und organisiert die Konferenztage gemeinsam mit dem Freistaat Sachsen und dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland.

Im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 werden Strategien für eine engere Zusammenarbeit zwischen den Kulturrouten und anderen europäischen und globalen Kulturerbe-Programmen entwickelt. Das Thema des europäischen Kulturroutenprogrammes in Görlitz lautet: „Kulturrouten des Europarates als Verbindung zwischen kulturellen Werten, Erbestätten und Bürgern: Strategien und Synergien aus globaler Sicht.“

Die Gastgeberstadt Görlitz liegt an der VIA REGIA. Die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ist seit hunderten Jahren untrennbar mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg auf der Handelsroute VIA REGIA verbunden. Dies zeigt sich prominent am Beispiel der „Görlitzer Hallenhäuser“ und deren Geschichte als Kaufmannspaläste und damit Wirtschaftsmotoren für die Region. Die Entwicklung und Biografien der Häuser und ihrer Besitzer sind ein wichtiger Teil im Gesamtkonzept einer angestrebten Welterbebewerbung der Stadt Görlitz.


Den über 200 Tagungsgästen wird neben den Konferenzen ein reichhaltiges Rahmenprogramm zur Erkundung der Stadt geboten. Dazu zählen neben dem Tagungsort Kulturforum Görlitzer Synagoge auch der Empfang im Dom Kultury (Zgorzelec), diverse Stadtrundgänge, Spezialveranstaltungen und die Abschlussgala im Gerhart-Hauptmann-Theater. Der Görlitzer Stadtrat hatte am Dienstag einstimmig beschlossen, dass Görlitz Mitglied im Netzwerk „VIA REGIA – Coultural Route oft he Council of Europe“ werden soll.


Am 26. September 2018 haben im Rahmen der Kulturroutentagung im Historischen Ratssaal des Rathaus Görlitz Oberbürgermeister Siegfried Deinege, Stefano Dominioni (Direktor des Europäischen Instituts für Kulturrouten EICR – European Institute of Cultural Routes und Exekutivsekretär des Erweiterten Teilabkommens EPA – Enlarged Partial Agreement), Caroline Fischer (Projektleiterin VIA REGIA – Kulturroute des Europarates) und Dr. Birgitta Ringbeck (Ministerialrätin Auswärtiges Amt / Koordinierungsstelle Welterbe) die Themenfelder der Kulturroutentagung und der möglichen Welterbebewerbung der Stadt Görlitz erläutert.


Stefano Dominioni führte durch die Pressekonferenz und erläuterte kurz den Inhalt der Kulturroutentagung in Görlitz. „Die achte Tagung in Görlitz ist auch für uns eine sehr symbolische, weil wir im Kulturerbejahr sind. Durch Europa führen viele bedeutende Routen – wir suchen auf dem Forum in Görlitz jetzt nach den Verbindungen der Kulturrouten, die es in Zukunft zu entwickeln gilt.“

Caroline Fischer bestätigte in der Pressekonferenz, dass Görlitz nun offiziell in das Netzwerk aufgenommen wird. Die Verleihung der Aufnahmeurkunde ist für Donnerstagabend im Görlitzer Theater vorgesehen. „Straßen sind bis heute die Lebensadern für die Regionen und Städte. Das Beispiel Görlitz zeigt, dass die VIA REGIA bis heute belebt ist – und Jugend, Kultur, Kunst und Wirtschaft hier eng miteinander verbunden sind.“

Dr. Birgitta Ringbeck erläuterte den Gästen und Medienvertretern, welches Potenzial Görlitz mit der Architektur der Hallenhäuser ihrer Geschichte, den Wirtschaftswegen und den Handelsbeziehungen innewohnt. „Görlitz ist die einzige Stadt in diesem Jahr, welche durch das Auswärtige Amt bei der Ausrichtung der hochkarätigen Kulturroutentagung direkt unterstützt wird. Das hat seine Ursachen in der baulichen und wirtschaftsgeschichtlichen Situation - die ist in Görlitz einzigartig.“

Oberbürgermeister Siegfried Deinege erläuterte auf der Pressekonferenz, dass es für Görlitz ein wichtiger Schritt sei, im Netzwerk VIA REGIA aufgenommen worden zu sein. Dadurch böte sich die Chance, an einem Konzept für die Welterbebewerbung konzentriert und zielgerichtet weiter zu arbeiten. Unterstützt werde dieser Weg auch durch eine erste Bilanz der Tagung der ICOMOS am Dienstag in Görlitz. Oberbürgermeister Siegfried Deinege hatte die Teilnehmer des Internationalen Rats für Denkmalpflege im Rathaus begrüßt und ins Ratsarchiv und in die Hallenhäuser begleitet. Die Signale der ICOMOS-Vertreter seien sehr positiv mit Blick auf Görlitz und die Konzeptentwicklung für eine Welterbebewerbung. OB Deinege: „Wir sind stolze Gastgeber der Kulturroutentagung in Görlitz, haben in unserer schönen Stadt viel zu zeigen und zu erzählen – und freuen uns auf eine intensive Diskussion mit Experten, den städtischen Gremien und der Zivilgesellschaft. Wir haben hier in Görlitz eben einfach gute Geschichten zu erzählen – und auf der VIA REGIA wird eine Stadt wie Görlitz mit einer Welterbebewerbung einen leuchtenden Punkt setzen.“

 
Welches Potenzial Görlitz besitzt, erfuhren Pressevertreter und Gäste der Stadt beim exklusiven Besuch im Görlitzer Ratsarchiv, der Schatzkammer der Stadt. Ratsarchivar Siegfried Hoche gab anhand von jahrhundertealten Dokumenten einen faszinierenden Einblick in die einzigartig dokumentierte Handelsgeschichte der Stadt, die Geschichte der VIA REGIA und die Nachweise der Wirtschaftskraft von Görlitz. Danach gab es einen geführten Besuch durch das private Hallenhauses von Rainer Michel am Untermarkt 3 – welches als besonderes Beispiel für Pracht und Macht der Tuchhändler gilt.

 

Weitere Informationen zur Tagung, frei verfügbare Fotos, Hintergründe und Chronologien auf: www.culturalroutes2018.goerlitz.de

 


Hintergründe und Einordnung


Erstmalige Forschungen an den Hallenhäusern unter dem Aspekt der europäischen Handelsgeschichte

 

Seit den 1990er Jahren gibt es in Görlitz Bemühungen, sich um eine Aufnahme in die Unesco-Liste zu bewerben. Diese gipfelten 2011 in der Bewerbung um die Aufnahme in die deutsche Vorschlagsliste. Die von der Kultusministerkonferenz eingesetzte international besetzte Fachkommission zur Bewertung der potentiellen deutschen Welterbestätten hat der Stadt Görlitz 2014 Potenzial bescheinigt, ohne vorerst die Aufnahme in die Tentativliste zu befürworten. Im Fokus der Bewertungen stand das architektonische Ensemble der Görlitzer Altstadt mit den typischen Hallenhäusern. Laut Fachjury sind sie als herausragende Zeugnisse ihrer Epoche geeignet, das zentraleuropäische Handelssystem der frühen Neuzeit darzustellen. Es wurde empfohlen, diesen Aspekt weiter zu erforschen und für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

 
Auf diesem Weg ist die Stadt Görlitz inzwischen weiter vorangeschritten und präsentiert den aktuellen Arbeits- und Wissensstand dazu in der Ausstellung „Kaufmannspaläste an der VIA REGIA“. Sie macht unter anderem deutlich, dass nicht allein das formale architektonische Prinzip der Hallenhäuser Gegenstand des potentiellen materiellen Weltkulturerbes ist. Vielmehr ist es das aktuelle Forschungsziel, die über Jahrhunderte von der Gotik bis zur Renaissance entwickelte Architektur der Hallenhäuser als Abdruck und Spiegelbild der funktionalen und repräsentativen Ansprüche des Handels und der Kaufleute zu entschlüsseln.


Das Görlitzer Ratsarchiv, eines der bedeutendsten Stadtarchive Deutschlands mit lückenlosen Dokumenten seit dem 14. Jahrhundert, besitzt hierfür einen unschätzbaren Wert. Ob Steuer-, Rechnungs-, Erb- oder Gerichtsbücher – alle tragen dazu bei, für jedes der für die Welterbe-Bewerbung prädestinierten Gebäude inhaltsreiche Eigentümerchroniken zu verfassen. Begonnen wurde mit der Erforschung der Chronik für das weitgehend unverbaute Hallenhaus Brüderstraße 9. Die Ergebnisse sind Teil der Ausstellung. Chroniken weiterer Hallenhäuser werden derzeit erarbeitet. Parallel dazu wird die Haus- und Bauforschung vertieft. Mit hochauflösenden 3D- Laserscans von zwei Hallenhäusern wird es nun möglich, markante Erweiterungs- und Umbauphasen zeitlich noch genauer einzugrenzen. Das daraus entstandene 3D-Druck-Architekturmodell der Brüderstraße 9 ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Damit wird es möglich werden, die einzelnen Bauphasen zu einzelnen Besitzern, ihren Handelsgeschäften sowie ihren gesellschaftlichen Positionen zuzuordnen.

 
Ziel der Forschungen ist es darzustellen, wie das einzigartige Architekturensemble der Altstadt das zentraleuropäische Handelssystem der frühen Neuzeit darzustellen vermag. Die Ergebnisse der aktuellen Forschungen bringen die Stadt Görlitz diesem Ziel entscheidend näher. Die mit der thematischen Ausschöpfung des Ratsarchivs verschränkte Erforschung der Gebäudesubstanz verspricht auch neue Perspektiven auf Hallenhäuser, die nach den Görlitzer Vorbildern in Städten entlang der VIA REGIA in Osteuropa entstanden sind - insbesondere auch in Polen im Verlaufe des 16. Jahrhunderts. Die VIA REGIA, anerkannte Kulturroute des Europarates, ist nicht nur der wichtigste historische Transferkorridor der technischen, sozialen und kulturellen Innovationen der damaligen Zeit. Sie ist zugleich die Voraussetzung für die untrennbar mit dem Handel und Fernhandel verbundene Entwicklung der Stadt Görlitz vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Sie verleiht dem von der Stadt Görlitz verfolgten Welterbethema in entscheidender Weise eine internationale Dimension.

 
Weitere Informationen zur Tagung: www.goerlitz.de/Welterbebewerbung.html

 
ICOMOS

Der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) wurde 1965 in Warschau gegründet, ein Jahr nach der Unterzeichnung der Charta von Venedig, der Internationalen Charta über die Konservierung und Restaurierung von Denkmälern und Ensembles. Das Deutsche Nationalkomitee von ICOMOS e.V. wurde 1965 in Mainz gegründet. Es ist die internationale nichtstaatliche Organisation, die sich weltweit für Schutz und Pflege von Denkmälern und Denkmalbereichen und die Bewahrung des historischen Kulturerbes einsetzt. ICOMOS beteiligt sich als Berater und Gutachter an der Arbeit des Welterbe-Komitees und an der Erfüllung der UNESCO-Konvention zum Weltkulturerbe. Nationalkomitees bestehen bereits in mehr als 120 Ländern, und ICOMOS hat außerdem mehr als 25 Internationale Wissenschaftliche Komitees. Das deutsche Nationalkomitee von ICOMOS setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Erhaltung von Denkmälern, Ensembles und Kulturlandschaften ein. Um die Fachwelt und Öffentlichkeit zu beraten und das öffentliche Interesse für Denkmalschutz und Denkmalpflege zu fördern, ist das Deutsche Nationalkomitee von ICOMOS u.a. aktiv beim Monitoring zu den deutschen Denkmälern auf der Liste des Weltkulturerbes und arbeitet mit anderen Nationalen Komitees sowie mit verschiedenen nationalen Gremien (Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, Deutsche UNESCO-Kommission, Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz) und mit internationalen Organisationen (UNESCO, ICCROM, Europarat) zusammen.


EPA

Das Erweiterte Teilabkommen (Enlarged Partial Agreement- EPA) über die Kulturrouten wurde im Jahr 2010 ins Leben gerufen. Es folgt den Politikrichtlinien des Europarats, entscheidet über die Programmstrategie und vergibt die Zertifizierung „Kulturroute des Europarats“. Eine Beteiligung steht sowohl Mitgliedsstaaten als auch Nicht-Mitgliedsstaaten des Europarats offen, die eine politische Unterstützung nationaler, regionaler und lokaler Initiativen zur Förderung von Kultur und Tourismus anstreben. Im Juni 2016 hat das EPA 26 Mitgliedsstaaten.

 


VIA REGIA

Der wörtlich übersetzte „Königsweg“ galt als eine der wichtigsten Handelsstraßen des europäischen Mittelalters und war für die Oberlausitz die wichtigste Lebensader. Erstmals erwähnt wurde sie in einer Urkunde 1252. Archäologische Funde von der Bronzezeit bis ins nachchristliche Jahrtausend aus verschiedenen Teilen Europas bezeugen, dass die Oberlausitz schon früher eine Transitregion war.

Die VIA REGIA verband die Oberlausitz mit dem Westen Europas und mit den Ländern im Osten. An Berganstiegen und Flussübergängen wurde gesiedelt, es gründeten sich Städte und somit eine Infrastruktur. Auf der Handelsstraße beförderten Händler und Fuhrleute Waren, Werte und Ideen. Handel und Handwerk trugen zur Entwicklung der Städte bei. Es wurden Herbergen, Schmieden, Radmachereien und Kirchen errichtet.

Görlitz entwickelte sich durch die zentrale Lage von der einst slawischen Siedlung „villa gorelic“ zu einem einflussreichen Zentrum des Handels und der Wissenschaften. Durch den 1346 geschlossenen „Oberlausitzer Sechsstädtebund“ - bestehend aus Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau - profitierte die Region wirtschaftlich.

Die 2005 zur „Kulturstraße des Europarates“ erklärte VIA REGIA, ist Teil des Netzwerkes europäischer Kulturstraßen. Sie verbindet nun auf 4500 Kilometern Santiago de Compostela in Spanien, über Frankreich, Deutschland und Polen mit Kiew in der Ukraine. Wichtige Orte an der VIA REGIA sind neben Görlitz, Frankfurt am Main, Erfurt, Leipzig, Bautzen, Breslau und Krakau.

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